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Themen
Musik als Heilung
Interview: Barbara Mürdter Der US-amerikanische Singer-Songwriter William Fitzsimmons legte innerhalb weniger Jahre eine Bilderbuchkarriere hin, die illustriert, wie ein bestimmter Musikertypus via Internet, befreundeten Musikern, gutem Gespür und einer gehörigen Portion Glück jenseits der konventionellen Kanäle eine Karriere machen kann. Allein 20 000 CDs über MySpace zu verkaufen ist schon eine Leistung - nur davon und vom Touren mit Freunden leben zu können, ohne dass man eine Plattenfirma hat auch. Zumal man sich derzeit nicht über an einen Mangel an guten Singer-Songwritern beklagen kann.
Williams sticht durch seinen ungewöhnlich offenen und persönlichen Stil heraus,
erscheint als ein Mann ohne jede Schutzmauer, der mit Selbstverständlichkeit und
Souveränität über intimste Momente seines Lebens singt, und bei aller Trauer und
Verletztheit Güte und Lebensmut ausstrahlt. Er wirkt wie ein Fremdkörper in
einem Geschäft voller Eitelkeiten, Intrigen und Unehrlichkeit, und hat sich
damit und einem unprätentiösen, wohlbeherrschten Singer-Songwriterhandwerk in
kürzester Zeit tausende Fans in den USA und Europa erspielt. Derzeit ist er in
Deutschland auf Tour – zum dritten Mal innerhalb eines Jahres. Der Unterschied
zu den letzten Touren: Diesmal sind die Veranstaltungsorte weitaus größer. Er
muss zum ersten Mal beweisen, dass sein Stil auch vor 500 Leuten trägt und er
der gewachsenen Erwartungshaltung standhält.
Wie kamst du zu deiner Musik oder wie kam die Musik zu dir?
Musik war vor allem ein Familiending. Meine Eltern waren beide Musiker, Hobbymusiker allerdings. Meine Mutter sang in einem Chor, spielte Klavier und Gitarre, mein Vater Orgel. Meine Eltern sind beide blind, und so haben wir kommuniziert – es war eine Art, miteinander zu reden, ohne die Augen benutzen zu müssen. Das war also für mich völlig normal, weniger eine bewusste Entscheidung. Wir bekamen einfach Gitarren und Klaviere und so was vor die Nase gestellt und es wurde erwartet, dass wir sie nach und nach lernen. Das Ganze aber ohne Druck – es war schön, ein gemeinsames Familienhobby. War Musik für dich dann nur dieses Familiending, oder gab es auch Einflüsse von Außen?
Klar gab es beides. Aber in erster Linie war es schon dieses Kommunikationssache. So wie andere Familien vielleicht Spiele spielen, oder gemeinsam ins Kino gehen, oder einen Ausflug machen, haben wir gemeinsam musiziert, oder haben geübt oder in Musicals gespielt oder so was. Du bist aber nicht gleich Musiker geworden, was ja nahe liegend gewesen wäre, sondern hast etwas anderes studiert.
Ich wollte Therapeut werden. Ich haben meinen Master in psychologischer Beratung und habe mehrere Jahre in der Psychologie und Therapie gearbeitet. Damit war ich glücklich und ging davon aus, dass ich das für den Rest meines Lebens machen werde. Musik machen war immer eine Leidenschaft. Ich habe es immer geliebt, aber wollte jetzt nie meinen Lebensunterhalt damit verdienen. Das ganze kam ein wenig aus heiterem Himmel. Und was war der Anlass für die Neuorientierung?
Während meines Studiums hatte ich mir einfach mal billige Aufnahmegeräte gekauft, ein ganz einfaches Mikro und einen ganz normalen Computer. Ich hatte ja mein ganzes Leben lang Musik gespielt, sie aber nie aufgenommen und dachte, das wäre mal ganz lustig. Ich fand die Idee gut, einen Gitarrenpart aufzunehmen, und dann einen anderen und dann darüber zu singen – die Vorstellung, mehrere Tracks aufzunehmen und sie zu mischen fand ich aufregend. Das habe ich noch an der Uni gemacht, als ich mal einen Monat Ferien hatte. Da habe ich ein paar Songs aufgenommen, die ich mehr zum Spaß geschrieben hatte, und um Sachen auszudrücken, so wie Leute, die Tagebuch schreiben. Ein Freund erzählte mir von MySpace und da habe ich sie im Internet hochgeladen. Die kurze Version der Geschichte ist, dass mich eines Tages eine Frau anrief, die für die Lizenzierung von Musik für Fernsehserien zuständig ist. Sie meinte, dass ihr meine Sachen gefielen und sie gerne ein paar davon ankaufen würde. Ich dachte, dass mich jemand veralbern wolle. Das schien mir alles ein wenig zu perfekt. Ich war einfach ein Typ, der ein bisschen Hobbymusik machte und sie bot mir diese große Chance. Ich habe dann gesagt: Ausprobieren - ohne große Hoffnung, dass da was passiert. Sie hat dann ein paar Monate später nochmal angerufen und gesagt, „Greys Anatomy“ wolle einige meiner Songs haben. Ich habe es nicht geglaubt, bis ich es wirklich im Fernsehen gesehen habe. Da habe ich dann gedacht, dass es vielleicht eine kluge Entscheidung wäre es zu versuchen, wo die Chance dazu da war. Wie ist dann das erste Album entstanden?
Einfach zu Hause. Ich hatte kein Geld, ins Studio zu gehen. Also habe ich das vorhandene Equipment benutzt. Ich habe das in einem kleinen Dachzimmer aufgenommen, das eigentlich ein Gästezimmer war. Ich habe Decken an die Wände genagelt, ein Kissen auf den Computer gelegt und die Heizung abgeschaltet, damit man das nicht so hört. Dann habe ich die 11 Songs für das erste Album aufgenommen. Zuerst sollte es auch gar keine Platte werden. Ich hatten nur immer wieder Leute, die meine Musik kaufen wollten, und deshalb habe ich sie auf CD aufgenommen. Alles war also ganz einfach gemacht, als ob man einen Podcast aufnimmt. Einfach einige Zeit allein im Zimmer und Gitarre, Stimme und sowas aufnehmen. Wie hast du dann ein Plattenlabel gefunden? Hast du in erster Linie überhaupt eins gesucht?
Es gab kein Label. Es war ein wenig merkwürdig, weil ich einen ungewöhnlichen Weg in das Musikgeschäft genommen hatte. Die meisten Leute würden eine Demo-CD machen, die sie dann an ein Label schicken würden, um einen Manager und einen Agenten zu finden. Dann würden sie bei dem Label unterschreiben und anfangen. Dadurch, dass ein paar meiner Songs im Fernsehen gelaufen sind, habe ich eine Hintertür gefunden und alles selber gemacht. Ich habe viel Unterstützung gefunden, auch ohne Plattenlabel. Ich hatte Freunde, die ganz gut im Geschäft waren. Mit denen bin ich dann getourt, z. B. mit Ingrid Michaelson und den Cary Brothers. Die haben mich mitgenommen und mir dabei einiges beigebracht. Es war schwer, weil ich nicht ganz genau wusste, was ich mache. Aber es sind genug Leute zu den Shows gekommen und genug haben die Platten gekauft, so dass es funktioniert hat. Ich bin aber froh, dass ich jetzt hier in Deutschland ein Label habe, Haldern Pop. Es ist sehr viel entspannter zu wissen, dass da intelligente Leute mit der Musik arbeiten, die wissen was sie tun. Ich bin aber auch stolz drauf, dass ich soweit jetzt allein gekommen bin. Wir haben gerade in England einen Vertrag unterschreiben, aber sonst sind wir noch überall völlig unabhängig. (Anmerkung: Das neue Album wurde in Europa auf Grönland, veröffentlicht, in den USA auf Downtowmn Records wiederveröffentlicht) Das neue Album, dein drittes, hast du sicher unter anderen Umständen aufgenommen als das erste. Kannst du davon ein bisschen was erzählen?
Ja, das haben wir in einem richtigen Studio in Los Angeles aufgenommen. Das war sehr cool; ein bisschen stressig, weil ich mich sehr daran gewöhnt hatte, absolute Kontrolle über alles zu haben. Wenn ich was nicht mochte, dann war ich der einzige, der nein oder ja gesagt hat. Es war etwas anderes, dann einen Produzenten zu haben, der sagt: Ich weiß, Du magst das nicht, aber ich finde es gut. Also müssen wir da einen kleinen Kompromiss eingehen. Es war aber gut so - es hat mir geholfen, ein bisschen erwachsener zu werden und es ist ein viel besseres Album dabei herausgekommen. Bei mir gibt es ein paar Sachen, von denen ich glaube, gut dabei zu sein, aber es gibt auch Dinge, wo ich, glaube ich, eben nicht so gut bin wie jemand anders. Das an jemanden abzugeben, der ein Experte ist, professionell, der sich mit Produktion und Arrangements besser als ich auskennt als ich, war gut – aber hat mich auch demütig gemacht. Ich finde beides ok – manchmal habe ich gern die Kontrolle, manchmal lasse ich auch gern jemanden anders ran. Was mir ab deiner Musik gefällt ist, dass du eine sehr interessante Art hast, Elektronisches mit folkigen Songs zu verbinden.
Wir sind bei den neueren Sachen ein wenig davon weggekommen, aber ja, in den früheren Sachen haben wir es vor allem benutzt, weil ich keine Band hatte. Ich wollte, dass die Musik ein rhythmisches Element hat und mehr Kraft, mehr Gefühl. Einiges von der elektronischen Musik, die ich zu der Zeit hörte - Imogen Heap, Postal Service, Paper Route oder auch The Notwist - die haben elektronische Musik gemacht, die sehr viel Herz hatte, das war keine Tanzmusik. Das hat sich angefühlt wie Folkmusik, nur dass es da diese Beats darin gab. Da fühlte ich mich sehr angesprochen und dachte, meine Musik könnte eine ähnliche Stimmung haben. Da habe ich mich daran gemacht, mir selbst ein paar Grundlagen der Software beizubringen. Ich glaube, das hat geholfen, der Musik mehr Fülle zu geben als wenn es nur ich und eine Gitarre gewesen wäre. Es passt nicht zu allen Songs die ich schreibe, aber einigen hat es sicher gut getan, dass sie diese rhythmische Sachen unterfüttert haben. Deine Texte sind außergewöhnlich offen und persönlich. Hilft die Tatsache, das Du als Therapeut gearbeitet hast, dass Du über sowas singen kannst? Das erfordert ja auch eine gewisse Stärke und Souveränität.
Oh, eine sehr schöne Frage. Darüber rede ich sehr gern, weil ich glaube, das ist ein sehr wichtiger Bestandteil dessen, was ich zu machen versuche. Ich will nicht einfach Songs machen, die die Leute mögen oder viele Platten verkaufen, um mir davon ein schönes Haus zu kaufen. Ich will, dass Menschen durch die Musik tatsächlich geholfen wird. Damit habe ich auch das Gefühl, noch ein bisschen als Therapeut zu arbeiten. Du hast das im Prinzip perfekt auf den Punkt gebracht: Wie ich in der Lage bin, über sowas zu reden. Und ich habe mit solchen Sachen angefangen. Die ersten Songs, die ich geschrieben habe, waren sehr ehrlich, aber auch sehr dunkel. Ich denke das liegt an der Zeit, in der ich mit Leuten gearbeitet habe, die, wie wir in Amerika sagen, viele Dämonen hatten. Die waren derart offen über alles, Dinge, über die es sich manchmal sehr schwer reden lässt. Ich habe gelernt, dass das der beste Weg ist, sich da rauszuentwickeln und Heilung zu finden – sich nicht davor zu verstecken, sondern alles auf den Tisch zu bringen. Das ist es, was ich mit der Musik versuche – zum Teil für mich, weil es für jeden gut ist, diese Sachen rausbekommen. Zum anderen Teil, um Leuten zu zeigen, dass es ok ist, sich mit diesen Sachen zu beschäftigen und Musik dazu zu benutzen. Musik kann so viele verschieden Sachen für so viele verschiedene Leute sein: Sie kann etwas sein, zu dem man tanzt, zu dem man weint, etwas, in dem man Weisheit findet. Ich will Menschen viele Gefühle erleben lassen. Ich bin dankbar für die Zeit, in der ich als Therapeut gearbeitet habe. Ist es wirklich so, dass das alles echte Erfahrungen aus bestimmten Lebensabschnitten sind, die Du da auf deinen Alben ausarbeitest?
Ich wünschte, es wäre nicht so (lacht). Als, alle drei Platten haben ein Thema. Ich kann nicht so einfach spontan einen Song schreiben. Ich brauche bestimmte Muster oder eine Geschichte, die über allem steht. Mein zweites Album „Goodnight“ habe ich über die Scheidung meiner Eltern geschrieben, was meine Familie damals durchmachte – ich versuchte es, aus den Perspektiven von allen zu schreiben. Jedesmal, wenn ich etwas schreiben oder zu singen wollte, bin ich zu solchen Geschichten zurückgekehrt. Ich hatte das Gefühl, ich muss sie auf die eine oder andere Art loswerden. Ohne diese Geschichten fehlt mir die Muse, oder die Inspiration, die mich beflügelt. Ich weiß nicht, ob ich mal zu dem Punkt komme, wo ich mir ein kleines Thema raussuchen kann und einfach einen Song daraus machen, und dann das nächste kleine Thema. Bis jetzt musste es immer etwas sein, was mich sehr massiv und tief bewegt hat. Die Sache mit der Perspektive in deinen Texten finde ich sehr außergewöhnlich. Die meisten Songschreiber erzählen aus ihrer persönlichen Sicht oder der einer dritten Person als Protagonist – egal, ob sie wirklich von sich selbst singen oder nicht. Du dagegen versuchst, aus der Sicht aller Beteiligter zu sprechen. Auf dem neuen Album geht es um Trennung und du nimmst auch die Perspektive der Frau auf.
Es gibt viele tolle Songs und Platten über Trennungen, in der Musikgeschichte und auch jetzt. Viele sind ausschließlich aus der männlichen Perspektive geschrieben. Sowas wie: Ein Typ ertränkt seinen Kummer in Whiskey und beschwert sich darüber, wie schrecklich die Frau war und was sie ihm angetan hat. Was ja auch ok ist – einige meiner liebsten Songs sind aus der Perspektive geschrieben! Aber wegen allem, was ich durchgemacht habe und auch wegen meines eigenen Handelns wollte ich etwas sehr Ehrliches machen. Deshalb musste ich beide Seiten der Geschichte darstellen. In jeder Beziehung sind zwei Parteien involviert. Eine Geschichte nur aus der Perspektive des Mannes oder der Frau wäre sehr unvollständig. Deshalb enthalten viele der Songs die Perspektive der Frau. Meistens wird das durch eine weibliche Stimme dargestellt, aber manchmal auch nur in den Texten. Wenn ich das irgendwie anders gemacht hätte, wäre ich mir unehrlich vorgekommen. In manchen Textzeilen machst Du dich ja richtig klein, wie „you were perfect, and I guess I'm just a creep.“ („Du warst perfekt und ich bin wahrscheinlich nur ein Widerling“)...
Ja, viele Leute denken, dass ich sarkastisch bin, wenn ich diese Zeile singe. Dass ich meine: Das ist es, was sie denkt. Natürlich war keiner von uns perfekt. Aber ich sage den Satz tatsächlich ohne jede Ironie. Das ist eine Art zu sagen: Ich habe mich falsch verhalten. Da gibt es viele Stellen auf der Platte, die sagen sollen: Ich war derjenige, der die Fehler in der Beziehung gemacht hat - wiederum, um die Perspektive zu repräsentieren und eine Balance herzustellen, so das viele Leute zuhören können und vielleicht verstehen, woher ich komme. Um auf eine Meta-Ebene zurückzukommen: Glaubst Du, das es das Leiden des Künstlers braucht, um relevante Kunst zu schaffen?
Oje, das ist eine schwierige Frage. Lange bevor ich Musiker wurde, hat mir mal ein Freund gesagt, dass man kämpfen muss, um gute Kunst zu machen. Dem stimmen sicher viele Leute zu. Aber das Problem mit dieser Aussage ist, dass es impliziert, dass nur schmerzliche, pessimistische Kunst gute Kunst ist. Das sehe ich überhaupt nicht so. Van Gogh hat ja auch Sonnenblumen gemalt... Aber das kam ja aus dem Schmerz...
Da hast Du wieder Recht. Aber vielleicht hatte er ja auch mal ein paar gute Tage? Nun ja, Van Gogh ist kein gutes Beispiel dafür, richtig. Da sollte man jemanden aussuchen, der sich nicht das Ohr abgeschnitten hat. Ich glaube einfach nicht, dass es immer eine Sache ist. Ich glaube, aus Schmerz kann großartige Kunst entstehen, aber großartige Kunst kann auch aus Glück, Freude und einem Siegesgefühl heraus kommen. (Das Interview wurde auf Fitzsimmoms erster Deutschlandtour im Dezember 2008 geführt).
Video: William Fitzsimmons "I Don't Feel It Anymore"