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"Musikerin sein ist Loslösung vom Selbst"
Interview: Barbara Mürdter Die US-amerikanische Singer-Songwriterin Laura Veirs hat sich in über 10 Jahren eine treue Fangemeinde erspielt. Jetzt wagt sie den Schritt, ihre Alben wieder in Eigenregie zu veröffentlichen. So hatte sie einmal angefangen und war schließlich mit ihrem letzten Album auf dem Warner-Unterlabel Nonesuch gelandet. Jetzt gründete sie ihr eigenes Label. Unterstützung findet sie bei ihrem Lebenspartner Tucker Martine, der sich in der gleichen Zeit wie Veirs als Musikerin einen internationalen Ruf als Produzent erarbeitet hat.
Von ihrem Heimstudio in Portland arbeiten sie quasi als Familienbetrieb, eine
Art organische Farm, mit befreundeten Musikern, die man mal hier oder da in
Projekte einbindet. So versucht man sich von herkömmlichen Strukturen der
Plattenproduktion zu lösen und wieder zu den Wurzeln des Musikmachens
zurückzukehren. Kein Wunder, dass sich Veirs zur traditionellen
US-amerikanischen Musik britischer und irischer Folktradition hingezogen fühlt –
auch wenn Punk und Blues mitschwingen.
Du bist vor drei Jahren nach Portland gezogen. Wie gefällt dir die Stadt und die Musikszene dort?
Ich finde sie toll! Man kann da recht günstig leben – deshalb leben da viele Künstler. Es ist super zum Radfahren – es hat die meisten Radfahrer aller Städte in den USA. Es ist recht flach da, und man muss sich nicht irgendwelche Hügel hochquälen. Vieles konzentriert sich im jeweiligen Viertel. Wo ich wohne, muss man nirgendwo hinfahren, sondern kann alles zu Fuß erreichen. Unser Album haben wir in unserem Haus aufgenommen. Das ist ein kleines Haus mit drei Zimmern. Da gehen wir dann mal zum Essen die Straße runter und dann wieder nach Hause, um weiter aufzunehmen. Das ist ein schönes Leben! Die Musikszene ist sehr lebendig und viele junge, unbekannte Musiker leben hier, und auch viele bekannte Musiker sind dorthin gezogen. Es ist also ein guter Mix aus bekannten Bands und talentierten, äußerst interessanten jungen Menschen im Underground, die noch dabei sind, ihr Publikum zu finden. Mit welchen bekannteren Musikern hast du da öfter zu tun?
Die Leute von den Decemberists sind gute Bekannte von mir. Viele von ihnen spielen auf dem neuen Album. Ich habe dieses Nebenprojekt Two Beers Veirs. Das ist eine Coverband und wir spielen ein paar Mal im Jahr in einer kleinen Kneipe. Das ist einen nette Gelegenheit, mal wieder mit „normalen“ Leuten zusammen zu sein, alte Folk- und Bluessongs und richtig schnell Banjo zu spielen. Es ist manchmal schön, nicht meinen eigene Musik zu spielen, sondern die gängige US-amerikanische traditionelle Musik für eine handvoll Leute in einer Kneipe. In den ganzen Jahren, wo ich nur meine eigene Musik gespielt habe, habe ich viel Druck verspürt, die Verantwortung zu haben, gute Arbeit zu leisten, die Leute aus den Häusern zu locken, und Geld zu verdienen. Da ist das völlig anders, es geht um Geselligkeit in der Nachbarschaft und Spaß. Würdest du dich als Teil einer bestimmten Szene verorten, einer lokalen oder auch einer größeren?
Darüber denke ich nicht nach, aber wahrscheinlich bin ich das. Ich denke nur: Ich habe klasse Freunde und die sind tolle Musiker. Als Teil einer Gruppe würde ich mich nur soweit sehen, als dass wir alle in Portland wohnen und Musik machen. Kannst du beschreiben, wie dieses neue Album entstanden ist, von der ersten Idee bis zum fertigen Album?
Zunächst habe ich ganz viele Songs als Demos aufgenommen. Bestimmt 70 oder 80 für dieses Album. Es hat lange gebraucht, bis die letztendliche Auswahl da war. Als ich dann ein gutes Duzend Songs ausgewählt hatte, haben wir einfach einen Termin festgelegt, an dem wir mit den richtigen Aufnahmen beginnen wollten. Wir haben mit meinem Gesang und der Gitarre angefangen. Ein paar Sachen haben wir dann auch schon gleichzeitig mit anderen gemacht, aber das meiste sind Overdubs. Der ganze Aufnahmeprozess bis zum Ende, zum Mixen hat etwa drei Monate gedauert. Was haben Andere zu dem Album beigesteuert?
Da ist der Gitarrist Jon Neufeld. Das ist ein Nachbar. Der hat den größten Teil der akustischen Leadgitarre auf einer Archtop gespielt, so ein ähnlicher Sound wie David Rownlings, der Bandpartner von Gillian Welch. Eyvind Kang ist der Violist, der auf all meinen Platten gespielt hat und er kommt einfach herein und improvisiert großartig. Drei Songs haben wir an diesen Streicherarrangeur Steven Barber gegeben. Und dann ein paar andere Leute aus unserem Kreis, die wir baten, mal hier oder da zu singen. Stück für Stück haben wir das alles zusammengefügt. So etwa: das ist jetzt fast fertig, aber lass und den Typ mit der Baritonklarinette nochmal holen, um da noch etwas draufzuspielen. Also am Anfang nur Gitarre und Stimme, und dann langsam immer mehr draufgefügt. Und Jim James von My Morning Jacket singt auf der Platte. Du sprachst vorhin von der traditionellen US-amerikanischen Musik, die ja deine Sachen sehr stark inspiriert. Wie bist du auf die gekommen?
Der Stil ist mir zum ersten Mal bei Gillian Welch begegnet. Sie schreibt so, ist dabei aber offensichtlich eine moderne Autorin. Dann habe ich nach den Sachen gesucht, die sie beeinflußt haben. Dann hatte ich auch einen guten Gitarrenlehrer in Seattle, der mir viel von der alten Countrybluesmusik schmackhaft gemacht hat, wie Mississipi John Hurt und Elisabeth Cotton. Als ich diese Songs lernte, da habe ich meine Herangehensweise an das Gitarrespielen völlig verändert und habe mir ein komplexeres Fingerpicking angewöhnt. Das hatte einen starken Einfluss auf mein Songwriting. Auch mein Freund und Prodzent, Tucker Martine, stellt mir immer wieder interessante Sachen vor, die ich noch nicht kenne. Vor Jahren hat er mir zum Beispiel von der Harry Smith Folk Anthologie erzählt. Das ist wie eine Mine – man kann da reingehen und lauter Diamanten finden. Du hast gerade zwei Frauen als Vorbilder erwähnt. Sind weibliche Rollenvorbilder für dich wichtig?
Ganz bestimmt! Als Teenager habe ich das immer gesucht und es gab sie einfach nicht in dem Bereich, wo ich mich bewegt habe. So ist es eine Art Mission von mir geworden, junge Künstlerinnen, Musikerinnen zu unterstützen. Jedes Jahr stelle ich mich ehrenamtlich für das Portland Rock'n'Roll Camp for Girls zur Verfügung. Das ist ein Jugendlager, das Mädchen zwischen acht und 18 ermutigen soll, ein Instrument zu lernen und Selbstbewusstsein zu gewinnen, indem sie eine Woche in einer Band spielen und zum Abschluss eine große Show vor 500 Leuten veranstalten. Besonders im Nordwesten der USA gibt es eine lange Geschichte von feministischem...sagen wir Punkrock. Die Riot Grrrls haben da angefangen. Ich hatte aber keine Ahnung davon, bis ich 22 Jahre alt war. Zudem hatte ich letztlich die Chance, im Ryman Auditorium in Nashville zu spielen. Das ist die Übermutter, ja fast kann man sagen die Mutterkirche, von Country und Rock'n'Roll.. Das war großartig, die ganze Geschichte zu spüren. Besonders die der Frauen – in der Countrymusik gibt es eine lange Geschichte von starken Frauen: Als Leadinstrumentalistinnen, Sängerinnen und allgemein starken Persönlichkeiten. Genau wie im Blues – Sister Rosetta Tharpe zum Beispiel. Es gibt natürlich auch noch andere Musiktraditionen mit starken Frauen. Aber davon wusste ich bis vor einiger Zeit nichts und deshalb interessiert mich das sehr! Mit was für Musik bist du dann groß geworden?
Musik war nicht so zentral. Meine Eltern haben klassische Musik gehört, und mein Vater hat das Radio angemacht und da gab es dann Popmusik. Es gab auch ein bisschen Folk, Joan Baez oder Gordon Lightfoot und sowas. Eber es war immer nur zur Unterhaltung, nie ernsthaft. Ich hatte aber eine tolle Kindheit. Meine Eltern haben mich nie ernsthaft gezwungen, Musik zu spielen. Ich denke manchmal darüber nach, wie ich das machen werde, wenn ich eine Familie und Kinder habe. Denn es gibt Leute, wo die Eltern so sehr gedrängt haben, dass die Kinder Musik einfach hassen. Manchmal drängen die Eltern aber extrem, und die Kinder lieben Musik. Und ich habe meinen Weg zur Musik alleine gefunden, ganz natürlich. Wann hast du dann angefangen, ein Instrument zu lernen?
Mit 19, Gitarre. Wie kam es dann dazu, dass du deine ersten Aufnahmen gemacht hast?
Ich habe von den Riot Grrrls gehört, von Ani DiFranco, und von Eigenveröffentlichungen von Platten. Da dachte ich: Das kann ich auch. Ich schreibe ein paar Songs und probiere es. Ich habe schnell ein Album gemacht, das ich dann auf den Konzerten verkauft habe. Ich stellte dann fest, dass es sehr schwer ist, ein Plattenlabel zu finden. Warum also nicht selbst eins gründen? Dann habe ich irgendwann einen Vertrag mit Bella Union bekommen, das Label, auf dem ich jetzt wieder bin, in Europa. Das hat meiner Karriere sehr geholfen und ich bin ihnen sehr dankbar. Durch meinen Erfolg in Europa wurden dann auch die Amerikaner auf mich aufmerksam, die mich sehr lange nicht bemerkt haben. Jetzt bringst du das neue Album in den USA wieder auf deinem eigenen Label raus. Was ist anders für dich?
Das ist eine wirkliche Herausforderung. Als ich das anfänglich gemacht habe, war das Label mehr oder weniger nur eine Webseite. Jetzt ist es ein wirkliches Plattenlabel mit Personal. Und ich stecke da eine Menge Geld rein. Also ich habe jetzt keine Menge Geld – aber ich muss Leute einstellen, ich muss für die Promoter bezahlen, für die Pressung, für die Covergestaltung, für die Aufnahmen. Das ist alles ein sehr großes Risiko. Aber ich habe eine gute Fan-Gefolgschaft, habe jahrelang getourt, mein Name ist geläufig – also glaube ich, dass das klappt, aber es macht auch ein bisschen Angst. Du warst ja auf Nonesuch, einem Unterlabel von Warner. Wieso bist du da weggegangen?
Mein Vertrag mit ihnen war ausgelaufen. Ich denke, es war von beiden Seiten nicht gewollt, ihn zu verlängern. Sie hätten sicher gern mehr Verkäufe gesehen – ich im Übrigen auch. Letztendlich war es so – ich habe Leute in meinem Lebensbereich gesehen, wie Sufjan Stevens, die mit ihren Eigenveröffentlichungen erfolgreich waren und ich habe mir gesagt: Jetzt ist der Moment gekommen, das zu probieren. Ist das denn jetzt ein neuer Trend, seine Sachen selbst zu veröffentlichen?
Durch das Internet und die direkte Kommunikation mit den Fans gibt es viel mehr Macht. Da fragen sich viele Künstler und ihre Manager: Wozu ein Plattenlabel? Man kann seine eigenen Platten zu Haus aufnehmen und braucht keine Unmengen Geld. Also braucht man den Vorschuss von denen nicht unbedingt. Ich glaube, dass die Wahrnehmung einiger Künstler ist, dass die Label einfach eine Bank sind, Geld, um einen voranzubringen. Aber darüber hinaus – früher hatten sie den Vertrieb und die Pressearbeit fest im Griff. Heute haben die Künstler und Manager die Macht, das selber zu machen. Also denken die Künstler: Vielleicht kann ich das auch selber und so auch mein eigenes Geld verdienen? Es ist ein hartes Geschäft für Künstler, auf längere Sicht Geld zu verdienen. Die Frage ist immer: wie kann ich das über die Jahre aufrecht erhalten? Und möglicherweise ist der Weg über das eigene Label für einige Künstler der beste. Aber Plattenlabel sind ja auch toll – ich betreibe ja jetzt selbst eins und ich will auch, das es erfolgreich wird. Vielleicht ist es auch so, dass die Leute lieber einen Künstler unterstützen, den sie mögen, und seine Platten kaufen, als das Geld einer Großen Plattenfirma zu geben.
Das hoffe ich! Ich hoffe, sie stellen diese Verbindung her. Das ist fast so wie bei einem Bauern. Du kannst den Apfel von ihm direkt auf dem Bauernmarkt kaufen. Oder du kaufst einen Apfel in einem Supermarkt, der vielleicht aus Neuseeland eingeflogen wurde. In meinem Fall ist das ja tatsächlich so: Wir haben den Apfel in unserem Wohnzimmer herangezogen. Wir haben die Platte herangezogen und geben sie euch jetzt. Das ist absolut direkt. Ich glaube, die Leute stellen die Verbindung her, dass das sozusagen mein Familienbetrieb ist und sie mir helfen wollen. Aufnahmen, die die Leute zu Hause machen verbindet man ja trotz der rasanten technischen Entwicklung noch immer mit einem gewissen LoFi-Klang. Das ist auf deinen Album überhaupt nicht zu hören.
Wir haben meine Alben schon immer in Tuckers Haus aufgenommen. Er hat wirklich eine gute technische Ausstattung. Sehr gute Mikrofone, Vorverstärker, Kompressoren, alles teures Zeug. Und er macht das auch seit 17 Jahren. Er weiß also, wie man eine Platte in einem Heimstudio aufnimmt, die dann professionell klingt. Ich würde behaupten, es klingt nicht allzu glatt, aber auch nicht LoFi, das stimmt. Du hast auf dem Album sehr unterschiedliche Arrangements, manchmal nur Gitarre, und dann wieder Bläser- oder Streichersätze. Wie kam es dazu?
Die Grundvoraussetzung sollte erstmal sein, dass jeder der Songs für sich stehen kann, nur die Stimme und eine Gitarre, ein Banjo oder ein Klavier. Aber wenn man Unterstützung bekommen kann, macht es sie um so besser. Ich liebe die Streicherarrangements – die sind neu, sowas hatte ich noch nie. Die stammen von einem Mann namens Steven Barber. Der lebt in Austin, Texas, und hat mit Leuten wie David Byrne gearbeitet. Seine Arrangements sind sehr ungewöhnlich, wie z.B. am Ende von „Make Something Good“, das klingt fast arabisch. Die einzelnen Teile werden nicht wiederholt, die Streicherparts schlängelt ganz merkwürdig. Ich habe auch eine neue Band. Drei Frauen und zwei Männer, und wir singen alle. Das ist neu für mich, und es liegt eine stärkere Betonung auf dem Harmoniegesang. Das hat viel Spaß gemacht, es hat sich fast angefühlt wie in der Kirche. Mit anderen gemeinsam zu singen ist eine sehr alte Sache, und ganz besonders in den USA singen die Leute nicht mehr zusammen. Nur wenn man Kirchengängerin ist, aber ich bin keine. Das ist also unsere Kirche. Wie bist du zu der neuen Band gekommen?
Meine alten Bandmitglieder sind inzwischen so mit anderen Sachen beschäftigt, das es zu schwierig ist, sie zusammen zu kriegen. Zwei der neuen habe ich bei einem Hauskonzert gehört. Sie haben da gespielt und ich dachte: das sind junge Leute, die sind richtig gut, tolle Sängerinnen und Instrumentalistinnen. Der Nächste war ein alter Freund aus Seattle, der ein toller Viola-Spieler ist. Und dann ist da noch Eric Anderson, ein junger Songwriter aus Seattle. Als ich mir seine Platten anhörte stellte ich fest, dass er mehrere Instrumente sehr gut spielt und ein guter Sänger ist. Sehr praktisch .
Ja! Das ist eine interessante Gruppe, die neben dem Gesang auch sehr auf das Gitarrenpicking konzentriert ist, und auf interessante Arrangements wie zwei Violas, Banjo, Bassgitarre und Keyboard. Aber kein richtiges Schlagzeug, ein bisschen, aber kein ganzes. So wie früher im Country, wo das Schlagzeug auch verpönt war. Du sagtest vorhin, es klingt ein wenig wie Kirche. Suchst du dann auch spezielle Orte aus, wo ihr spielt, wo dann der Klang auch richtig wirkt?
Es ist immer wunderbar, in so einem Ort zu spielen. Leider können wir uns das nicht immer aussuchen. Manchmal spielen wir auch nur in einer Bar. Aber sogar manche Bars können gut klingen. Wichtig ist vor allem die Stimmung zwischen dem Publikum und der Band. Wenn eine positive Energie im Raum ist wird es ein gutes Konzert. Spielst du gerne live oder arbeitest du lieber im Studio?
Wenn ich zu viel live spiele, fühle ich mich irgendwann sehr ausgelaugt. Aber jetzt hatte ich eine lange Pause. Ich habe das Gefühl, ich mag es. Ich glaube auch, dass ich einen Durchbruch gemacht habe. Früher war ich sehr nervös, aber heute bin ich meistens entspannter, vielleicht weil ich einfach reifer geworden bin und mich so annehme wie ich bin, ebenso die Situation wie sie ist. So kann ich den Auftritt viel mehr genießen. Früher habe ich mir viel mehr Stress gemacht, weil ich glaubte, perfekt sein zu müssen. Heute nehme ich das einfach so hin. In einer Liveshow hat man weniger Kontrolle über das was im Studio passiert, aber das macht es manchmal auch unterhaltsamer. Ein Risiko, das man eingeht und das sich auszahlt und wo man sich dann richtig gut fühlt. Überlegst du dir, was für eine Show du auf der Bühne machst, hast du da bestimmte Routinen?
Nicht wirklich. Ich versuche das sehr locker und spontan zu halten. Ich sehe mich jetzt nicht als Showmensch. Natürlich mache ich eine Show in dem Sinne, dass ich versuche, die Leute zu unterhalten. Aber es gibt jetzt keine speziellen Nummern oder etwas, was ich jeden Abend mache. Ich glaube ein Publikum merkt das und sieht, dass das nicht echt ist. Ich versuche ein bisschen über die Stadt zu sprechen, wo wir gerade sind, und was wir gemacht haben, um es persönlich zu gestalten. Triffst du bewusste Entscheidungen, was dein Image angeht? Mir ist zum Beispiel von Anfang an aufgefallen, dass du eine Brille trägst. Im realen Leben ist das normal, aber im Showbusiness nicht, besonders bei Frauen.
Besonders viel Beachtung habe ich meinem Image nie gegeben. Aber es wäre sehr naiv das gar nicht zu tun. Auf meinem neuen Album habe ich mich zum Beispiel entschieden, mal keine Brille zu tragen. Ich wollte ein wenig weg von dem Gedanken, dass ich eine Intellektuelle bin. Es ist natürlich völliger Schwachsinn, dass man als eine Frau die eine Brille trägt gleich als Intellektuelle gilt. Es ging mir aber auch darum, den Wechsel irgendwie zu erfassen: Ein neues Album, eine neue Liveband, alte, aber auch neue Leute auf der Platte. Also auch mal ohne Brille für die Pressefotos. Aber ich brauche eine Brille um zu sehen und ich mag keine Kontaktlinsen. Also bleibt die Brille für die Liveshows auf. Siehst du dich bei deinen Texten auch wie in der Musik in einer bestimmten Tradition?
Ich habe früher mehr in der Folktraditon des Geschichtenerzählens gearbeitet. Jetzt arbeite ich mehr bildlich. Aber ich stecke viel Arbeit in die Texte. Die Wort kommen nicht leicht – das ist für mich der schwierigste Teil. Die Musik ist oft gleich da. Ich habe meistens ein Büchlein dabei, in das ich dann mal reinschaue: Oh darüber oder darüber könntest du schreiben. Manchmal ist es nur eine Zeile aus einem Buch, die mich zu einem Songtext inspiriert. Manchmal brauche ich nur eine Sache und mir fällt etwas ein. Aber oft ist da eine Blockade: Ach, ich weiß nicht, was ich sagen soll. Saltbreaker war ja ein sehr persönliches Album. Schreibst du generell über deine eigenen Erlebnisse und Gefühle, auch auf dem neuen Album?
Da gibt es persönliche Momente, aber in manchen der Songs kommt das Wort „ich“ gar nicht vor. Das geht dann um jemand anderen. Aber natürlich muss ich irgendwas erfahren haben, was in dem Song vorkommt, um...ich glaube jeder Song ist zu einem Grad autobiografisch. In „Sun is King“ geht es um die Welt als solche, da geht es nicht um mich. Und „Sleeper in the Valley“ ist ein Antikriegslied, das von einem Gedicht von Rimbaud inspiriert ist. Also gibt es Songs, die weiter weg sind von meinem Leben. Mir sind sie aber trotzdem nah, weil ich sie geschrieben habe. Mal eine Metafrage: Was bedeutet es für dich, Musikerin zu sein. Welches Konzept verbindest du damit?
Freiheit. Persönliche Befreiung über Musik. Ich glaube, Musik kann wirklich befreiend sein für Menschen. Aber es ist schwer, da hinzukommen. Was für eine Art von Freiheit meinst du?
Freiheit vom Selbst, von der Selbstreflexion, von der Selbstbeherrschung, vom Ego. Fast wie die Verbindung mit einer höheren Macht. Beim Spielen?
Ja, oder beim Schreiben. Oder Aufnehmen oder was auch immer. Beim Leben. Manchmal kann man das bei einem Künstler sehen. Und genau das suche ich immer. Und manchmal fühle ich, dass ich wirklich lebendig bin, indem ich das mache. Es ist wie eine totale Versenkung, und in anderen Momenten überhaupt nicht. Das ist ein wechselndes, sich bewegendes Ziel, das man sucht. Und ich glaube einige Musiker sind erfolgreicher in ihrem Leben diesen Zustand zu finden als andere. Das ist interessant. Ich habe Musiker immer als besonders egozentrische Menschen betrachtet, aber das ist ja fast das Gegenteil.
Ich würde behaupten, dass die besten Musiker kein Stück egozentrisch sind. Sie finden eine Art Verbindung zu einem tieferen Lebensbereich, wie ein tieferer Fluss. Und sie sind in der Lage, aus diesem tieferen Fluss zu schöpfen, es über die Musik in Bedeutung zu verwandeln und das anderen Menschen zu schenken. Du hast mal Geografie und Mandarin studiert. Machst du in dem Bereich noch irgendwas?
Mein Leben ist jetzt Musik und Geschäft. Ehrlich gesagt habe ich jetzt extrem viel mit Geschäft zu tun, seit ich mein eigenes Label habe und keinen Manager mehr. Jetzt lerne ich erstmal richtig, wie das Musikgeschäft funktioniert. Das musste ich vorher alles nicht wissen. In meiner Freizeit mache ich Yoga, treibe Sport, laufe und steige auf Berge. Ich koche gern, spiele mit meiner Katze und bin mit Freunden zusammen. Gesunde Sachen. Ich würde gern mal wieder nach China, und dort spielen. Aber die Gelegenheit hat sich noch nicht ergeben und mein Chinesisch ist auch fast weg. Manchmal versuche ich in einem Restaurant was zu sagen, habe dann aber Angst und lasse es. Aber früher war ich richtig gut! Ich habe nur keine Gelegenheit zum Üben.
Video: "The Making of July Flame"