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Tony Visconti, 2007
Der Mann im Hintergrund
Von Barbara MürdterMit 62 Jahren hat der legendäre Produzent Tony Visconti seine Autobiografie veröffentlicht. Diese ist vor allem ein Zeitzeugenbericht aus 40 Jahren Rockgeschichte.
„Eigentlich wollte ich das Buch mit London beginnen,“ erzählt Tony Visconti. Um seine Autobiografie zu bewerben, ist der New-Yorker für zwei Wochen in der Stadt, in der er 23 Jahre lebte. Vor 40 Jahren hatte er zu ersten mal britischen Boden betreten – mit einem Urlaubervisum und vier Gitarren im Gepäck. Er sollte bei einem britischen Produzenten assistieren. „Hier hat mein Leben begonnen,“ meint Visconti und korrigiert sich: „Mein Berufsleben.“ Der Versprecher ist kein Zufall, denn sein Leben ist eher von den über 100 Platten, die er produziert hat, als von privaten Ereignissen geprägt.
Tony Viconti / Foto: Barbara Mürdter
„Es gibt verschiedene Typen von Produzenten,“ erklärt Visconti, „Ich bin der Allround-Typ, ich bin Arrangeur, ich spiele Bass, ich singe und kann als Tontechniker arbeiten.“ Eigentlich wollte er selber Musiker werden: Schon mit fünf spielte er Ukulele, bekam dann eine klassische Gitarrenausbildung und lernte, Arrangements zu schreiben. Sein erstes Geld verdiente er als Jazz- und Rock’n’Roll-Musiker in Ferienheimen und Bars. Die zwei, drei eigenen Singles, die er aufnahm, wollte niemand hören. Als er von George Martin, dem Produzenten der Beatles, erfuhr, wusste er, was er wollte: „Ich dachte, wenn mich die Beatles nicht in ihre Band lassen, dann mache ich, was er macht. Vielleicht würde ich ja sogar eines Tages die Beatles produzieren.“
Nur Musiker, die er auch persönlich mag Gleich im ersten Jahr im Swinging London traf er „seine“ Beatles, mit denen er in die Annalen der Rockgeschichte eingehen sollte: Marc Bolan und David Bowie, damals unbekannte Hippies mit Akustikklampfe, die noch bei Mutti wohnten. Beide waren bald Dauergäste in bei Visconti: „Ich hatte Gitarren und einen Plattenspieler. Meine Wohnung wurde zum Zentrum für Jam-Sessions und Treffen mit Freunden.“ Bowie und Bolan gelten ebenso wie Morrissey, dessen aktuelles Erfolgsalbum Visconti produzierte, als notorische Diven. Visconti stört das offenbar nicht, denn arbeite nur mit Musikern, die er auch persönlich mag, meint er: „Ich lasse ich mich sehr stark auf sie als Menschen ein. Ich weiß, ich werde mit ihnen zwei Monate im Studio sein. Wir müssen als Freunde klarkommen.“ Er ist stolz, dass solche Künstler ihn oft erneut eingeladen haben, ihre Alben zu produziert. Er will dass die Künstler wissen, was sie wollen. Es ist aus seiner Sicht nicht die Aufgabe des Produzenten, den Klang der Platte zu bestimmen. Obwohl er den Produzenten als „Boss“ der Plattenaufnahme beschreibt, will er unauffällig aus dem Hintergrund dem Ganzen den Feinschliff verpassen und das Beste aus den vorhanden Grundideen und individuellen Fähigkeiten herauszuholen – auf technischer, aber auch auf menschlicher Ebene. „Ein wichtiger Teil des Jobs ist es, Leute anzuleiten, ihnen ein positives Feedback zu geben und ihnen Mut zu machen wenn sie singen oder spielen.“
Er erkannte Bowies Potential So setzte er 1969 den jungen David Bowie auf die Spur, die er ohne ihn vielleicht nie gefunden hätte. Richtiges Starpotential war nicht auszumachen; bereits und seit einem halben Jahrzehnt kämpfte Bowie erfolglos um den Durchbruch. Visconti mochte Bowies Stimme. Als er aber das Songmaterial auf dessen erstem Album hörte, fand er es stilistisch zu wirr. Er ermunterte ihn, sich für sein zweites Album auf Folkrocksongs zu konzentrieren, die auf dem Klang seiner 12saitigen Gitarre basierten. Visconti schaffte es, das Album nicht nach Lagerfeuerromantik, sondern merkwürdig distanziert und fremd klingen zu lassen. Damit hatte er die Essenz dessen erfasst, was Bowie ausmachte, der von der kühlen, futuristischen Ästhetik der beginnenden Postmoderne fasziniert war. Die Beziehung zwischen den beiden war etabliert: Bowie hatte eine Idee, Visconti wusste, wie man sie umsetzt. Diese Zusammenarbeit dauert – mit Unterbrechungen – bis heute an. Besonders gern erinnert sich Visconti an die gemeinsame Berliner Zeit Ende der 70er, die Atmosphäre in der geteilten Stadt. „Berlin hat unser Denken verändert. Das spiegelt sich auf den Platten wieder.“ Jeden Abend seien sie nach den Aufnahmen losgezogen, auf Partys von Künstlern oder in Transvestitenclubs wie den von Romy Haag. „Es war eine tolle Zeit. David hat sich so wohlgefühlt,“ schwärmt Visconti und stockt einen Moment: „Und ich mich natürlich auch.“ Visconti bezeichnet sich selbst als einen der wenigen, die in der Lage sind, Bowies musikalische Wandlungen mitzumachen, weil er sich auf die diversen Stile einlassen könne, sei es der „Plastic Soul“ von „Young Americans“, der Ambient-Sound der Berlin-Trilogie oder der Drum&Bass von „Heathen“. „Bis heute überlässt mir Bowie die Entscheidungen über den Klang eines Albums.“
Marc Bolan als unangenehmes Genie Bevor Spätstarter Bowie jedoch mit seiner Karriere in die Schuhe kam, war Visconti schon Anfang der 70er als Produzent von Marc Bolan und T.Rex berühmt. Für zwei Jahre löste die Band in England eine Hysterie aus, die der um die Beatles gleich kam. Visconti sah Bolan zunächst als einen „ungeschliffenen Diamanten“. Als der dann begann, sein Hippie-Image abzustreifen und in Damenschuhen mit Glitzer unter den Augen als Cosmic Punk auftrat, hatte Visconti die richtigen Rezepte in petto. Er ließ Bolan auf seiner E-Gitarre spielen und mit Hall-Effekten auf der Stimme, Streicherarrangements und übereinandergelegten Gitarren peppte er die neuen Songs auf, die auf Blues und dem Rock’n’Roll der 50er basierten. Damit war die Blaupause des Glam-Rock geschaffen. Visconti verschweigt nicht, dass Marc Bolan ein ziemlich unangenehmer Typ war, der mit seiner Egozentrik sein ganzes Umfeld terrorisierte. So durfte Visconti ihn nicht vor anderen kritisieren. Im Studio wartete der Produzent also immer ab, bis Bolan mal verschwand, um dessen Gitarre wieder richtig zu stimmen. So vermied er ein Donnerwetter.
Früher Ruhm führte zum Morrissey von heute Die Arbeit für Bolan vor über drei Dekaden brachte Visconti noch 2006 unerwarteten Erfolg ein. Bolan-Fan Morrissey wollte ihn schon für sein 92er-Album „Your Arsenal“ haben, auf dem er mit T.Rex-artigen Sounds experimentierte. Smiths-Fan Visconti war interessiert, musste aber aus Termingründen absagen. Morrissey fiel sein alter Wunschproduzent wieder ein, als es 2005 bei den Aufnahmen zum aktuellen Album mit dem Produzenten nicht klappte. Visconti war von dem bereits aufgenommenen Material so angetan, dass er drei Tage später im Flugzeug nach Rom saß. „Ringleader of the Tormentors“ kam auf Platz 1 in vielen europäischen Ländern. Viel Kritikerlob ging dabei an Visconti: Er habe Morrisseys Schrulligkeit in „pure Magie“ verwandelt. Visconti ist der Typ, der sich so mit seinen Künstlern identifiziert, dass er ihn hin und wieder erinnert werden muss, dass er selbst eine lebende Legende ist. Darauf angesprochen, strahlt er zwar, scheint jedoch fast verunsichert. Aber die vielen Radio- und Fernsehauftritte während seines jetzigen Londonaufenthalts haben ihn auf den Geschmack gebracht. Zurück in New York, gesteht er auf seiner Webseite: „Eigentlich müsste ich gleich noch eine zweite Autobiografie schreiben.“ Tony Visconti - “The Autobiography: Bowie, Bolan and the Brooklyn Boy”, Harper Collins, in Deutschland nur über amazon.de zu bestellen.“
www.tonyvisconti.com Einen Hörfunkbeitrag zu Tony Visconti findet ihr hier. Ein Hörfunkbeitrag, ein Artikel und Fotos zu Marc Bolans 30. Todestag mit Interviewausschnitten von Tony Visconti ist hier.