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Themen
Zurück zur Ursuppe
Interview: Barbara Mürdter Blues sei tot, hieß es lange. Jetzt wagt sich die eine oder andere Indieband wie die White Stripes oder die Black Keys wieder an das Genre. Aber ebenso wie in anderen Musikrichtungen ist hier eine starke Vermischung zu beobachten: Der Punk spielt seit Jahrzehnten schon als Haltung mit, aber auch Einflüsse aus Soul, Jazz, Folk und Country. Hier lösen sich die Genregrenzen auf, die in der ersten Hälfte des Jahrhunderts geschaffen worden sind, um die Produkte der neu entstehenden Plattenindustrie zu vermarkten.
William Elliott Whitmore klingt wie ein Bindeglied zwischen den frühen Country-,
Folk- und Bluesaufnahmen, wie man sie zum Beispiel kunterbunt zusammengewürfelt
auf der Anthology of American Folk Music findet, und der hybriden Musik von heute. Die
Stimme des 31jährigen aus Lee County, Iowa, klingt wie die eines alten schwarzen
Mannes, der sein Leben lang hinter dem Pflug übers Feld gelaufen ist, die Texte
beschreiben zumeist das Leben auf dem Lande. Dazu kommt ein roher Gitarren- oder
Banjoklang, der mystisch-düstere, intensive Vortrag macht den Eindruck der
Zeitlosigkeit perfekt.
Ich fühle mich vielen verschiedenen Szenen zugehörig. Anfänglich habe ich mit vielen Punk- und Hardcore-Bands gespielt, in irgendwelchen verrückten Indierock-Bands. Also kann ich mich mit den Leuten aus der Szene identifizieren. Ich spiele auch viele Shows mit Alternative-Folk-Leuten, wie Alela Diane, The Mountain Goats, Neko Case. Die sehe ich auch als meine Szene. Ich zähle ich mich zu den Leuten, die sich zwischen diesen Grenzen bewegen. Du bist ja wirklich vom Lande. Auch wenn Du wahrscheinlich nie auf dem Feld gearbeitet hast, hast Du dann solche Musik tatsächlich noch gehört oder gab es sie schon nicht mehr?
Oh, ich habe auf dem Feld gearbeitet, und ich mache das immer noch. Ich bin auf einem Bauernhof groß geworden und da lebe ich immer noch. So war ich viel auf dem Feld, und wir haben Pferde gezüchtet, und Feldfrüchte angepflanzt. Jetzt, wo ich Vollzeitmusiker bin, und viel unterwegs, kann ich da nicht mehr so viel machen. Aber sobald ich zu Hause bin, arbeite ich da noch und viel von meiner Musik kommt aus dieser Thematik. Das ist ungewöhnlich, da ja die meisten Leute, die im weitesten Sinne Alternative Country spielen, aus größeren Städten kommen. Oder habe ich da einen falschen Eindruck?
Stimmt schon. Ich finde das auch interessant. Ich schreibe über das, was ich kenne. Und auf einem Bauernhof zu leben ist alles, was ich kenne. Deshalb wähle ich diese Motive und arbeite mit ihnen, und lasse die Welt sehen, was ich sehe. Ich bin nicht gut dabei, mir Sachen auszudenken, sondern schreibe über Sachen, die da sind. Aber mache Leute können das: Auch wenn sie nie auf dem Land gelebt haben, schreiben sie sehr gut darüber, Bob Dylan zum Beispiel. Der konnte Protagonisten erschaffen und über Sachen schreiben, die er nie gelebt hat. Aber für mich klingen deine Texte, soweit ich sie verstanden habe, nach den Geschichten aus den alten Songs. Gerade der erste Song auf dem neuen Album, „Mutiny“, ist doch sehr methaphorisch und weniger etwas selbst Erlebtes?
Ja, auf dem neuen Album habe ich es als Herausforderung gesehen, auch mal etwas jenseits von dem zu schreiben, was ich selbst bin. In diesem Song benutze ich zum Beispiel das Bild einer Meuterei als Symbol für einen Aufstand gegen die gegebenen Machtverhältnisse und die Tyrannen, die uns würgen. Aber viele der Songs auf dem Album sind auch autobiografisch, handeln von meiner Familiengeschichte und Dingen, die ich ausdrücken wollte. Zum Beispiel der Song „Hard Times“: Der Großvater meiner Großmutter kam aus Deutschland. Und sie erzählte mir Geschichten davon, wie er Probleme damit hatte, dass die Truppen des Kaisers immer ankamen und die Pferde der Bauern geklaut haben, ohne Grund den Leuten Sachen weggenommen haben im Namen des Kaisers. Das habe ich in dem Song aufgenommen. Und auch Sachen über meinen Vater, der ein Bauer, Mechaniker und ein Eisenbahner war. Ich finde es sehr schön, dass ich all diese alten Geschichten kenne. Ich fühle mich meiner Großmutter sehr nahe, die mir das alles erzählt hat. Das klingt für mich sehr amerikanisch – weiß-amerikanisch. Schwarze Amerikaner haben andere Geschichten. Mit was für Musik bist Du dann groß geworden?
Meine Eltern mochten alten Country - Hank Williams, Willie Nelson und Jimmie Rodgers. Dann habe ich Soul entdeckt, 50er, 60er-Jahre Soul, sowas wie James Carr, Solomon Burke, Ray Charles, und auch Blues-Musiker wie Leadbelly und Big Bill Broonzy. Leadbelly war immer ein Held für mich, weil ich das Gefühl hatte, er schrieb vom Herzen, und über die Sachen, die er erlebte. Er war auch ein toller Gitarrist. Später kam dann Punk, wie die Minutemen, The Germs, The Clash, Bad Religion – Leute, bei denen ich das Gefühl hatte, sie haben etwas wichtiges zu sagen. Für mich war das fast wie ein moderner Blues, was diese Leute gemacht haben. Also habe ich diese ganzen Einflüsse zusammengemischt und versucht, sie mir anzueignen. Gibt es dann einen Namen für deine Musik?
Vielleicht würde ich es „rootsy Blues-Country-Folk-Soul“ nennen, mit einem Schuß Punk reingemixt, mehr das Gefühl und die Haltung. Ich mochte immer Bands wie Minor Threat, die einen sehr einfachen, aber sehr intensiven Stil hatten, die Texte waren auch sehr wichtig – aber diese Intensität versuche ich auch zu produzieren. Kannst Du mir ein bisschen was über deinen Ort erzählen, wo deine Geschichten herkommen?
Ich lebe fast genau in der Mitte der USA, in Lee County im Bundesstaat Iowa, am Mississippi. Da gibt es viele Bauernhöfe. Ich lebe noch immer auf dem Hof, wo ich aufgewachsen bin, mein Großvater war auch Bauer, die ganzen Generationen davor. Es gibt auch viel Wald, es ist sehr entspannt und idyllisch. Wenige größere Städte, zumeist Kleinstädte. Es ist ein wunderbarer Ort zu Sein – es ist definitiv mein spirituelles Zentrum. Ich finde es schön, dass ich in der ganzen Welt rumreisen kann, Musik hat mir geholfen, viele Menschen kennenzulernen, aus Fremden Freunde zu machen. Neue Leute zu treffen ist für mich ein wichtiger Teil davon, Musik zu kommunizieren – jeder Künstler will seine Musik mit der Welt teilen. Aber es ist auch schön, nach Hause kommen zu dürfen, mit meinen Pferden zusammen zu sein, mit der Familie, in den Wald zu gehen, die Schuhe auszuziehen und zu fischen. Der Nachteil am Land ist aber, dass die Leute oft sehr konservativ sind. Ich kenne Leute, die da richtige Probleme hatten, weil sie einfach anders waren als der Rest.
Bei uns ist das glücklicherweise sehr gemischt. Es gibt eine große gegenseitige Toleranz bei den verschiedenen Ansichten. Ich selbst bin keiner Partei verbunden, sondern misstrauisch bei allen Politikern, egal wo sie herkommen. Ich versuche sie immer im Auge zu behalten. Leider fanden viele Leute bei uns George Bush toll. Ich habe ihn gehasst und auch andere waren gegen ihn. Wir kommen trotzdem miteinander klar und haben gelernt, uns gegenseitig zu akzeptieren und mit der Sichtweise der Anderen zu leben, auch wenn sie nicht die eigene ist. Bei uns ist es also recht locker, aber das ist nicht überall so. Im Süden mag es ein wenig intoleranter zugehen. Aber die Leute lernen anscheinend, und das gibt mir ein wenig Hoffnung in die Menschheit. Gibt es in eurer Ecke auch eine afroamerikanische Community?
Ja, es gibt ein paar Afroamerikaner bei uns. Nicht viele, aber es gibt sie. Und dann gibt es viele Colleges in Iowa – wir sind für unsere Bildungseinrichtungen bekannt. Die ziehen Leute aus aller Welt an – aus Indien, ganz Europa, Japan, Afrikaner, Indonesier, alle wollen da studieren. Das ist toll, weil man so verschiedenen Leute treffen kann und Einblicke in die Kultur anderen Menschen bekommt. Ich glaube, das ist eine gute Sache, zu sehen, wie andere Menschen leben, und zu sehen, dass wir alle einfach Menschen sind. Bist Du dann der erste aus eurer Familie der reist, abgesehen davon, dass Deine Vorfahren irgendwann mal da hingezogen sind?
In unserer Gegend haben die meisten Leute wenig Geld, sie arbeiten hart und kommen wenig von zu Hause weg. Sie können nicht die Farm stehen lassen und reisen. In meinem Job muss ich das ja machen, und es macht Spaß. Also leben meine Leute auch in gewissem Maße von meinen Reisen, weil sie es sich selber nicht leisten können, um den Erdball zu ziehen. Ich fotografiere viel und erzählen viele Geschichten und versuche ihnen ein wenig davon zu vermitteln, was ich gesehen habe. Ich bin da wirklich privilegiert – die meisten Leute waren noch nicht mal in Deutschland, obwohl unsere Vorfahren hierher stammen. Ich habe auch Vorfahren aus Frankreich, Irland, England – die sind alle nach Amerika gekommen und haben sich vermischt. Und da bin ich!
Video: Who Stole the Soul BOWERY BALLROOM NYC 12.1.2009