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"Ich passe mich dem Markt an"

Interview: Barbara Mürdter

Der Chicagoer Musiker André Williams, Jahrgang 36, ist eines jener Musikfossile, die die ganze Rock'n'Roll-Ära selbst dabei waren, und noch vom Country, Blues und Jazz der Nachkriegszeit gepägt sind. In den 50ern hatte sich Williams, der mit seiner Mutter aus dem ländlichen Alabama in den Norden gekommen war, entschlossen Entertainer zu werden. Er konnte nicht singen, hat sich aber mit schmutzigen Texten und feschen Anzügen à la Cab Calloway profiliert. Er hatte ein paar Hits. Später arbeitete er immer wieder mal für Motown. Chef Barry Gordy störte sich aber an seiner direkten Art. Irgendwie war er immer dabei - als Musiker, Autor und Produzent. Als er Anfang der 70er für Ike Turner arbeitete, entdeckte er seine Liebe zum Kokain. Das hielt ihn lange Jahre im Griff – seine Karriere schien erstmal besiegelt.

André Williams / Foto: Barbara Mürdter

Ende der 90er sammelten ihn junge weiße Fans unter einer Brücke in Chicago förmlich wieder auf und verhalfen ihm zu einer zweiten Karriere. Er kam beim Alternative Country-Label Bloodshot unter und bekam Unterstützung von jungen Musikerkollegen wie Jon Spencer. Im letzten Jahr erschien ein Dokumentarfilm über ihn, "Agile, Mobile, Hostile", in dem klar wurde, wie sehr er noch immer mit seinen Dämonen kämpft.

Jetzt hat er sogar dem Alkohol abgeschworen und im Interview wirkte er geistig fit. Ich wurde jedoch gebeten, ihn nicht nach Obama zu fragen. Überhaupt: No Politics. Obwohl er eigentlich ein rebellischer Geist ist, hat er hat sich auch früher schon aus solchen Sachen wie Bürgerrechtsbewegung rausgehalten und zugesehen, wie er als Schwarzer im Geschäft irgendwie durchkommt - im System. "Race" ist für ihn trotzdem konstant präsent, wenn er spricht.


Ich haben zum ersten mal über Bloodshot Records von Ihnen gehört. Die machen ja vorrangig Alternative Country, oder wie sie es bezeichnen, Insurgent Country. Wie seid ihr zusammen gekommen?
Mein Manager und Keyboardplayer Skip stellte mich ihnen vor.

Wie gefällt Ihnen das musikalische Umfeld dort?
Bloodshot ist meine Heimat! Ich liebe Nan (Warshaw, die Chefin d.A.). Eine tolle Frau.

Ich habe sie vor einigen Jahren mal interviewt.
Oh, Sie haben Nan getroffen? Sie ist ein absoluter Engel.

Wie gefällt Ihnen Ihr neues Publikum?
Das ist ein völlig anderes Publikum als früher. Als ich damals unterhalten habe, war es ein rein schwarzes Publikum und es war Rhythm and Blues. Dieses Publikum ist vorrangig weiß und Pop-Rock. Eine völlig andere Band und ein völlig anderes Publikum.

Welchen Einfluß hat das auf Ihre Musik – Ihre Show und Ihre Art zu Schreiben?
Ich schreibe einfach über das Leben, was ich so erlebe. Ich schreibe das einfach auf ein Blatt Papier und dann kommt Musik dazu.

Die Erwartungshaltung des Publikums spielt keine Rolle?
Ich verstehe nicht ganz, was Sie meinen.

Sie sagten das Publikum ist anders, unterhalten Sie sie also auch anders?
Oh ja, das Publikum ist völlig anders. Sie sind loyaler. Wenn sie einmal dabei sind, bleiben sie dabei. Seit ich in diesem neuen Bereich spiele, waren es immer die gleichen Leute. Vorher, mit dem R&B-Publikum – da bist Du nur so gut wie Deine letzte Platte. Die Leute, die ich jetzt habe sind immer dabei, ob es läuft oder grad mal nicht so.

Hat das einen Einfluss auf Ihre Musik?
Auf die Musik. Ja, sicher. Sie mögen die Live-Erfahrung. Und es macht mir Spass, sie ihnen zu geben.

Wenn Sie jetzt Songs schreiben, sind Sie dabei auch reifer oder aufgrund des neuen Publikums auch anders geworden? Oder ist es immer noch so wie in den 50ern, 60ern?
Nein, es ist ganz anders. Realistischer. Bei Rhythm and Blues schreibst Du Phantasien. Über Sachen, von denen man hofft, wünscht, dass sie passieren würden. In dem Markt, in dem ich bin, geht es um Realistisches, Dinge, die passieren, das echte Erleben, die echte Erfahrung – man schreibt über das Leben, wie es wirklich ist. Du träumst nicht, die wünscht nicht, Du hoffst nicht. Du nennst Dinge ohne Umschweife beim Namen (Williams benutzt den Ausdruck „To call a spade a spade“. "Spade" ist auch ein verächtlicher Ausdruck für Afroamerikaner d. A.). Dieses realistische Songschreiben ist viel besser. Ich finde es gut zu sagen, was Sache ist. Das bevorzuge ich dem Träumen, ganz klar.

Spielt Haufarbe eine Rolle für Sie?
Bei den Musikern?

Generell.
Sie macht einen großen Unterschied. Weiße Musiker spielen musikalischer. Rhythm and Blues Musiker dagegen kreativer. Verstehen Sie, was ich meine? Die weißen Musiker halten sich an die Noten. Die schwarzen Musiker erschaffen etwas, während sie spielen. Sie probieren und wagen etwas, während sich die weißen Musiker an die vorgegebene Muster halten.

Ich hätte heute Abend ja so gerne die New Orleans Hellhounds als Begleitband gesehen (er hat mit einer weißen holländischen Begleitband gespielt d. A.)!
Oh ja! Wenn ich mir das nur hätte leisten können – hoffentlich das nächste Mal! Das ist echt ein wilder Haufen. Red mal mit dem Promoter und sag ihm, er soll mehr Geld für uns ausgeben. Sieben Leute rüberzufliegen, unterzubringen und zu verköstigen kostet einfach mehr Geld, als mit drei Leuten von hier zu spielen.

Mir ist bei Ihrer letzten Platte im Vergleich zu den frühen Aufnahmen aufgefallen, dass Sie viel kraftvoller klingen. Auf den alten hören Sie sich ja fast schüchtern an, auch wenn es die Texte in sich haben.
Das liegt daran, dass die Sachen, die ich jetzt schreibe, echt und rau sind, während ich früher alles glattbügeln mußte, um es verkaufen zu können. Damals hätten sie die Sachen, die ich jetzt mache als Pornografie bezeichnet und gar nicht erst in den Vertrieb gebracht. Jetzt sehen sie es nicht mehr als pornographisch, sondern als Unterhaltung.

Heutzutage hören sie sich nicht mehr besonders extrem an, aber in den 50ern wurden selbst ihre glattgebügelten Texte ja sicher als anstößig betrachtet.
Ja, es war manchmal schwierig, dass sie im Radio gespielt wurden. Und sie zu vermarkten.

Aber andererseits waren Ihre Texte wieder auffällig und haben Sie interessant gemacht.
Wie ich die Texte formuliere ist auf dem Rock'n'Roll-Markt nicht so akzeptabel. Sie sind dort schwer zu vermarkten.

In einem Interview vor ein paar Jahren sagten Sie, Sie hätten als junger Mann gern in den weißen Clubs gespielt. Das hat damals nie geklappt, richtig?
Ja, das wollte ich, weil ich dann mehr Raum gehabt hätte. Das Publikum hätte mir mehr erlaubt, André zu sein. In den schwarzen Clubs musste ich mich zurücknehmen. Das lag an der Struktur der Leute und der Struktur der Clubs. Was sie in den Clubs zulassen würden und weshalb die Leute dahin kamen, um was zu sehen.

Als Sie aufwuchsen, gab es in den USA noch die Segregation. Heute gibt es keine formale Rassentrennung mehr. Sie sprechen aber immer noch von einem weißen und schwarzen Publikum. Ist das in den USA noch immer so stark getrennt?
Ja. Aber ich spiele auch relativ selten in den USA. Europa, andere Länder, wo ich besser zu vermarkten bin. Wie soll ich es sagen: In den USA verkaufe ich nicht so gut und ich spiele da auch nicht so gern wie in Europa.

Haben Sie neue Pläne für ein Album?
Glauben Sie es oder nicht: Ich arbeite grad an drei Platten. Ich habe grade eine Platte mit den Sadies in Kanada aufgenommen, die demnächst in den Verkauf kommen soll. Ich arbeite grad an einem akustischen Popalbum – mit sauberen Texten. Und das ganze will ich mit einem ebenfalls sauberen Popalbum abrunden.

Warum das?
Ich will ein paar Folkaufnahmen machen. Keine klassischen, sondern klassischer Rock.

Folk ist für mich etwas anderes als Classic Rock.
Geschichten. So wie Johnny Cash.

Sie sind ja ausschließlich mit Countrymusik groß geworden, weil sie in Alabama Musik nur im bei der Arbeit auf dem Land im Radio gehört haben.
Ganz genau dahin will ich zurückgehen. So ein Album will ich machen.

Also wirklich die alten Johnny Cash / Hank Williams-Sachen?
Genau.

Da kommt ja wieder das Thema Hautfarbe ins Spiel. Also kein Robert Johnson?
Genau. Johnny Cash mit dem André Williams Touch. Man wird sehen, was das wird.

In der South Side von Chicago sind Sie ja als junger Mann zum ersten Mal dem Blues begegnet nach ihrer Countryzeit. Da haben Sie als Tellerwäscher gegenüber den Clubs gearbeitet, wo all die Bluesgrößen aufgetreten sind.
Als wir aus dem Süden nach Chicago gezogen sind, gab es nicht viel Auswahl an Jobs, außer im Stahlwerk zu arbeiten oder in einem Restaurant. Das waren die beiden Jobs, die man als Schwarzer sofort bekommen konnte. Andere Sachen waren schwer zu bekommen, weil der Norden noch teilweise segregiert war, aber nicht so segregiert wie der Süden.

Und Sie sind damals zu ersten Mal dem Rhythm and Blues begegnet.
Ich versteh Sie nicht ganz.

Ich las, Sie haben damals als Tellerwäscher gearbeitet und letztendlich die Schule aufgegeben deshalb. Und gegenüber war dieser Rhythm and Blues Club.
Ich war tags in der Schule und habe abends gearbeitet. Und ja, gegenüber war der 708-Club. Da haben die ganzen Bluesmusiker am Wochenende gearbeitet.

Hat das, was Sie da gehört haben, noch immer einen Einfluss auf Ihre Musik, oder hatte es überhaupt einen?
Ja, ganz bestimmt. Die haben über das wahre Leben gesungen. Geschichten über das schwere Leben. Das ist Blues. Die habe ich fast jeden Abend gehört. Da bin ich reingewachsen. Aber das neue Album ist ganz allein André. Es ist von niemandem anders als mir.

Dein erstes Album haben Sie 1957 für Deborah Brown von Fortune Records im Hinterraum eines Ladens aufgenommen. Können sie den Unterschied zu heute beschreiben?
Das ist natürlich heute alles viel moderner. Damals haben wir einen ganzen Song mit einem einzigen Mikrofon aufgenommen. Heute haben wir 16, 17, 18 Mikrofone dafür. Die Aufnahmen sind besser, klarer.

Und empfinden Sie persönlich für sich einen Unterschied in den verschiedenen Aufnahmesituationen?
Das Herz funktioniert immer gleich.

Und wie haben sie die musikalische Entwicklung über die Jahre empfunden? Sie haben ja auch ihre Musik immer der Zeit angepasst – Rock'n'Roll, Soul, Funk...Punk war ein Einfluß.
Ich passe mich einfach dem Markt an, dem, was sich verkauft. Und der Markt, in dem ich jetzt arbeite, verkauft sich grad. Da mache ich das eben. Ich bin ein Marktmensch. Was immer sich verkauft, das mache ich.

In punkto Kleidung halte Sie es aber noch immer mit Cab Calloway und seinen schicken Anzügen.
Das war mein Einfluss. Aus meiner Sicht hat er sich einfach fantastisch angezogen. Da habe ich ein Auge drauf geworfen und mich daran orientiert.

So sind Sie immer der bestangezogenste Mann in der Stadt.
Das kann ich nicht beurteilen. Aber zumindestens versuche ich immer so gut angezogen zu sein wie es möglich ist.

Darf ich Sie fragen, ob Sie Kinder haben?
Ja, zwei in Chicago. Die sind Lehrer. Zwei in Atlanta, Georgia, eins ist Pfarrer und eins Lehrer. Alle erwachsen.

Sie selbst haben ja aufgrund der schwierigen Lebensumstände damals niemals einen Schulabschluss gemacht und das auch später bedauert, wie ich hörte.
Ich habe mir alles selbst bei gebracht. Ich habe gelernt, indem ich gelebt habe. Würde ich aber niemandem empfehlen. Ich habe sehr viel Wert darauf gelegt, dass meine Kinder das College abschließen.

Noch mal zurück zu ihren musikalischen Anfängen. Sie haben ja von Anfang an afrikanische Trommelrhythmen als Vorbild genommen.
Ja, ganz klar. Danach habe ich meine Songs geformt. Nach den musikalischen Beats.

Wo haben sie denn so was hören können?
Nun, in Bibliotheken vorrangig. Ich bin nicht nur wegen der Musik in Bibliotheken gegangen. Ich habe mir selbst Bildung verschafft, Sachen, die ich lernen wollte. Anstatt zur Schule zu gehen, bin ich zu anderen Orten gegangen, wo ich lernen konnte. Da habe ich mein Wissen her.

Cool. Heut kriegt man das alles im Internet, aber da waren die Zeit noch anders. Letzte Frage: Wie halten Sie es in Ihrem Alter mit dem touren?
Ich habe das extensive touren eingeschränkt. Ich mache jetzt kürzere Touren – neun Tage statt 30, weil ich einfach schneller fertig bin. Ich warte drei, vier Monaten und mache dann wieder neun. Mehr würde mich zu sehr auslaugen.

Für Ihr Alter und angesichts der Tatsache, dass Sie auch lange Jahre schwer drogenabhängig waren, sehen Sie unglaublich gesund aus.
Ja, der gute Mann da oben hat dafür gesorgt, dass ich gesund geworden bin. Das gab auch schon andere Zeiten.

Das hat man in dem Film „Agile, Mobile, Hostile“ über Sie gesehen, der im letzten Jahr herausgekommen ist.
Das war damals ziemlich hart, mit der Drogenszene, aus der ich glücklicherweise raus bin und alles überlebt habe.